Zwischen Ballast und Gewohnheit
- vor 5 Tagen
- 2 Min. Lesezeit

Lesen bildet – ja, haben wir schon mal gehört.
Wenn ich lese, lese ich nicht, um Meinung, Wissen oder lediglich Inhalte zu sammeln, die bei den meisten ohnehin ungenutzt auf die Halde des bereits vorhandenen wandern. Nein, ich suche nach diesem einen Satz, der mich heute weiterbringt, den ich jetzt gerade brauche, der mir etwas bewusst macht. Meist findet er mich.
Dieser eine Satz hat mich, trotz einer unglaublich ereignisreichen, vollgepackten Tour quer durch das gelobte D-Land dazu inspiriert, über etwas nachzudenken, das seit Jahrzehnten in jedem meiner Gespräche Bestandteil ist, nicht als solcher definiert, sondern als Basis einer Lebensgestaltung:
“Was ist Ballast und was ist schlicht Gewohnheit, die sich als Notwendigkeit verkleidet hat.”
Es geht um das, was bleibt, wenn man das Unnötige, die Floskel, abzieht. Sie bezieht sich bei mir nicht nur auf die bekannte Deutung zu Gesagtem, wir finden sie auch in unserem Denken und Handeln. Es geht um etwas, das keinen Sinn ergibt, keinen Mehrwert in sich trägt.

Das Gefährliche: Ballast ist nicht das, was schwer ist. Ballast ist das, was sich als notwendig tarnt, obwohl es verzichtbar ist.
Die eigentliche Kunst besteht nicht im Verzicht, sondern in der Diagnose. Was trägt und was trägt nur den Schein des Tragens.
Eines Tages stehen wir vielleicht vor der größten Chance unseres Lebens, vor einer notwendigen Entscheidung, vor einer Veränderung. Und dann erkennen wir, dass uns die bisherigen vermeintlichen Notwendigkeiten, entstanden aus unbemerkt angesammelten Zeitfüllern, Zeiträubern, Floskeln, Gewohnheiten, Glaubenssätzen, unsinnigen Regeln und gut gemeinter Anpassung, genau dafür keine Zeit mehr lassen.
Strukturen, durchzogen mit Belanglosigkeiten, die – das sehen wir bei den meisten Menschen – weder einen Sinn oder Mehrwert ergeben, noch nicht einmal Freude bereiten.
Wir sind gewohnt, stundenlang zu reden, aber nicht in der Lage, etwas zu sagen.
Wir erledigen etwas, weil man es so macht, der Sinn wird zur Nebensächlichkeit.
Sollten wir unsere Lebenszeit nicht als einzigen verlässlichen Maßstab für Prioritäten verstehen, der uns zwischen Sinn und Unsinn unterscheiden lässt, gerade weil sie einmalig ist?
Ballast entsteht selten durch Zwang. Er entsteht durch Übernahme von unendlich vielen Gewohnheiten, durch die stille Übereinkunft, dass man Dinge eben so tut. Und doch gibt es eine Wahl: Ballast, kann man abwerfen. Ohne Ersatzhandlung, ohne Entzugserscheinung, ohne schlechtes Gewissen, nicht mehr dazu zu gehören. Warum sollte ich überhaupt zu etwas dazugehören wollen, das mir vorgibt, womit ich den Großteil meines Lebens verbringe und woran ich mich halten muss?
Der Mensch ist kein Mangelwesen mehr. Er ist ein Überflusswesen. Es ist nicht der Mangel an zu wenig Möglichkeiten, sondern an zu vielen unreflektierten Belanglosigkeiten.
Um eine klare und sinnige Struktur zu entwickeln, bedarf es der einfachen, aber unzeitgemäßen Frage: Was würde fehlen, wenn «es» nicht mehr da wäre – diese Floskel, dieser Satz, diese Gewohnheit, die Befolgung dieser Regel?
Die ehrliche Antwort darauf ist selten spektakulär. Aber sie ist präzise. Und Präzision ist der Anfang jeder Form von Souveränität. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Ballast verschwindet nicht durch Entschluss, sondern durch Erkenntnis und darauf folgende Erfahrung.
Es geht nicht immer gleich um Rebellion. Sondern um Klarheit. In unseren Gedanken und unserem Handeln.




